Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Das Leben und Studium an einer sowjetischen Lehreinrichtung

Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon kirovzi » Do 23. Apr 2009, 22:50

Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Dieser Beitrag ist ausschließlich für die Veröffentlichung im Rahmen des Forums der Webseite http://www.kirovzi.de bestimmt.

Der Beginn
Ende August 1961 erfolgte an der Offiziersschule der Volksmarine in Stralsund die Zusammenstellung eines Freiwilligen-Kontingents aus 45 Offiziersschülern des 1. Lehrjahres zur Delegierung in die Sowjetunion. Es gab keine Hinweise auf die Ausbildungsrichtung oder auf den Ort der Ausbildung; lediglich die Dauer (5 Jahre) wurde bekanntgegeben.
Für alle Teilnehmer wurde ein 3-tägiger Urlaub zum Abschied nehmen und Sachen packen angesetzt.
Dann ging es im Bus nach Berlin und nach einem kurzen Aufenthalt in einer Kaserne mit dem Zug in die Sowjetunion. Für diese Reise wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe fuhr per Bahn im Verlaufe von 41/2 Tagen über Brest, Minsk , Kiew, weiter am Asowschen Meer und an Derbent vorbei zu ihrem immer noch unbekannten Ziel. In Kiew kamen braungebrannte, weißgekleidete Matrosen mit in unser Abteil: Es waren, wie wir dann feststellten, rumänische Schüler eines Marinelyzeums, mit denen uns in den kommenden, langen Jahren vielfältige Freundschaft verband.
Wir kamen nun spätabends an unserem Zielbahnhof Baku in Aserbaidschan an: Heiße, seltsam (Erdöl!) riechende Luft, Marineangehörige völlig in Weiß gekleidet, Palmen hier und da. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus! Mit LKW und Bus ging es zur Kaspischen Kriegsmarinehochschule „S.M. Kirow“ im doch recht weit entfernten Stadtteil Sych. Man empfing uns aber sehr sonderbar: Abstellen der Seesäcke, Antreten und dann auf Befehl im Parademarsch an einem hageren Admiral vorbeidefilieren („Deutsche können gut marschieren“; das war auch so, denn wir hatten noch unsere Beschläge unter den Stiefeln und den Schliff von der Maiparade 1961 vorzuweisen!!!).
Der zweite Zug, der ebenfalls per Bahn, jedoch über Moskau nach Baku transportiert wurde, kam am nächsten Tag an.
Die Unterbringung aller 45 Offiziersschüler erfolgte in einem ehemaligen Kinosaal in der 1. Etage. Seesäcke kamen in die „Batalerka“ (der mit erhöhtem Boden ausgerüstete Vorführraum).
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Nach der Ausstattung mit Maschinenpistolen, Magazintaschen, und Schutzausrüstung wurden diese Sachen im Schlafsaal in sogenannten Pyramiden (Holzschränke) untergebracht und waren so bei Alarm sehr schnell zur Hand.
Diesen Schlafsaal teilten wir uns noch mit sieben polnischen Offiziersschülern, mit denen uns langjährige Freundschaft verband.
Ich erinnere mich nicht, ob es eine festgelegte Nummerierung der Züge gab, in die wir aufgeteilt wurden; der zahlenmäßig größte Zug war der , der für die Ausbildung an der Land-Schiff-Rakete S2 „Sopka“ ausgebildet wurde. Der andere Zug war für die seemännische Ausbildung, Rakete P15, bestimmt. Das gab sehr schiefe Gesichter im ersten Zug, denn niemand wollte ein „Land-Ei“ sein.
Aber die Zeit heilt alle Wunden: Nach einem knappen Jahr wurde auch der erste Zug auf die seemännische Laufbahn umgestellt, und das hieß: Aufholen! Denn Schützengräben, Granatwerfer, Richtkreise und üMG´s gab es an Bord eines Schnellbootes ja nicht.
Wir stellten die 33. Kompanie und gehörten zur 3. (Spez.-) Fakultät, zu der auch die Bulgaren und Rumänen in etwa gleicher Personalstärke gehörten. Mit beiden Nationen hatten wir ausgezeichnete Kontakte, es kam zu gemeinschaftlichen sportlichen Wettkämpfen und so auch zu Freundschaften untereinander. Mein Eindruck: Die rumänischen Freunde waren impulsiver als wir und sehr aufgeschlossen, die bulgarischen dagegen ruhiger, zurückhaltender ohne jedoch verschlossen zu sein. Wir kamen gut mit allen aus.
Unser Kompaniechef war ein sowjetischer Korvettenkapitän armenischer Herkunft, namens Sukijassow, den wir alle ausnahmslos als streng, aber gerecht und absolut achtenswert empfanden.
Die Ausbildung begann zugleich mit Sprachausbildung, Höherer Mathematik, Waffenkunde usw. Wir hörten allemal mehr, als wir tatsächlich in der Lage waren zu verstehen. Als Gegenüberstellung: Ein Kandidat der Technischen Wissenschaften schrieb den Stoff an die Tafel – wir „malten“ ab und versuchten alles im Selbststudium mit Hilfe des Wörterbuches zu übersetzen. Sehr schnell stellten wir fest, dass alle Dozenten, Lehrer, Fachausbilder und das gesamte Personal des jeweiligen Lehrstuhls sich mit Hingabe und beispiellosem Verständnis für unsere Lage an unsere Ausbildung machten. Das erleichterte zumindest in dieser Richtung unsere Situation.
Die Verpflegung erfolgte in den ersten Jahren in einem riesigen Speisesaal, gemeinsam mit sowjetischen und den anderen ausländischen Offiziersschülern; die Verpflegung war für alle gleich. Sicher haben die dargebotenen Kalorien für uns ausgereicht, aber das war so auch alles, so richtig satt waren wir nicht.
Für vier Personen am Tisch gab es morgens je ein flaches Sternchen Butter, genügend Zucker und Brot und für den Tisch eine (Kantinen-Blech-)Schüssel entweder mit Makkaroni auf Flottenart oder Hirsebrei, Buchweizengrütze, Schtschi oder Borschtsch. Als letzten Gang gab es Kompott – in Wasser eingelegtes Backobst, das z.B. einfache Matrosen nicht erhielten. Das Schüsselessen wiederholte sich in abwechselnder Reihenfolge auch mittags und abends! Außer der Butter am Morgen haben wir hier nie irgendwelchen anderen Brotbelag erhalten. Später gab es auch hin und wieder Kartoffelbrei – das war doch was! An all` dies gewöhnten wir uns schließlich. Und - es ging ja allen so.
Jahre später konnten wir in eine neu erbaute Unterkunft ziehen. In den gut eingerichteten Zimmern kamen bis zu vier Personen unter. Gleichzeitig eröffnete eine neue Mensa; hier konnte man gegen Bezahlung schmackhaftes und preiswertes Essen einnehmen. Das alles waren deutlich spürbare Verbesserungen der Lebensbedingungen.
Am schlimmsten aber war, dass das Ministerium für Nationale Verteidigung, MfNV, „vergessen“ hatte, unseren Sold an die Schule zu überweisen: Wir sollten 60 Rubel/Monat erhalten und bekamen monatelang NICHTS. Das drohte zu einem explosiven Umstand zu werden, also gab uns die sowjetische Seite (die nicht glauben konnte, dass Kursanten soviel verdienen!) erst einmal einen Sold wie für einen sowjetischen Offiziersschüler: 1. Lehrjahres, etwa knappe 5 Rubel. Damit konnten wir nicht leben und nicht sterben, wie man so sagt. Wir Raucher waren besonders übel dran: Entweder Zigaretten oder etwas zu Essen kaufen!

Die Schule
Die Schule umfasste neben dem Hautgebäude für den Unterricht im wesentlichen noch das Klubhaus, das Stabsgebäude, eine Mechanische Werkstatt, den Kfz-Park, den Speisesaal mit der Kombüse, die Unterkünfte (Alt- und Neubauten), ein Hallenbad, ein Freibad, die seemännische Sturmbahn sowie einen Schießstand. Außerdem gab es für die jeweiligen Fakultäten entsprechende Gebäude (Sowjetische Steuerleute und Radiochemiker, Raketenkorpus für die Spez.- Fakultät). Alle diese Gebäude umrahmten einen riesigen Exerzierplatz, der auf keinen Fall einfach so betreten werden durfte. Dem Hauptgebäude gegenüber stand auf der anderen Seite ein Denkmal für Sergej Mironowitsch Kirow. Dies war auch der Punkt, an dem die einzelnen Kompanien bei Feierlichkeiten im Parademarsch vorbeizogen.
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Viele meiner Mitschüler waren Abiturienten. Andere, so wie auch ich, hatten dagegen nur den Abschluss der 10. Klasse bzw. die Mittlere Reife, zwei meiner Mitschüler hatten sogar nur den Abschluss der 8. Klasse! Natürlich hatte die erstgenannte Gruppe bessere Kenntnisse nicht nur der russischen Sprache sondern auch in den naturwissenschaftlichen Fächern vorzuweisen. Mit der Zeit jedoch kam es zur Nivellierung des Wissenstandes aller.
Nur wenige von uns waren in der Lage, anfangs der russischen Rede in vollem Umfang zu folgen, sie in allen ihren Nuancen zu verstehen und ebenso zu antworten. Das ging soweit, dass wir zwar die Lösung einer mathematischen Aufgabe an der Tafel demonstrieren konnten; die Lösung zu erklären war da schon fast unmöglich. Der Unterricht in der russischen Sprache wurde forciert; es wurden (freiwillig!) Tage festgelegt, an denen wir auch untereinander nur Russisch sprechen durften. Es war an diesen Tagen sehr still in der Kompanie.
Eine vollständige Aufzählung aller absolvierten Unterrichtsfächer wird mir aus dem Gedächtnis wohl nicht mehr gelingen, versuchen will ich es aber doch:
- Russisch, (Höhere) Mathematik, Chemie,
- Darstellende Geometrie, Theoretische Mechanik
- Politunterricht, Geschichte der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion), Pädagogik,
- Seekriegsgeschichte, Taktik der Teilstreitkräfte, Waffenkunde (Schützenwaffen, Torpedo,
Mine, Artilleriewaffen),
- Werkstoffkunde, Ausbildung an Maschinen der Mechanischen Werkstatt,
- Sport- und Sturmbahnausbildung, Navigation,
- Astronomie, Radioelektronik, Theorie der Schiffsstabilität,
- Ausbildung zum Leichten Taucher, Fahrschulausbildung,
- Raketenspezialbewaffnung (darunter Zielsuchlenkeinrichtung, Hülle, Flüssig- und Feststoff-
Triebwerke, Sprengstoffchemie ),
- Schiffe und Flugzeuge der NATO-Staaten und deren Dislozierung.
Die Aufzählung von Namen der Dozenten/Lehrer ist rein subjektiv, denn die Zeit hat viele Namen gelöscht. Und das ohne Rücksicht auf die Verdienste dieser Personen. Also ist die folgende Nennung lediglich als Auszug aus dem Ganzen zu betrachten:
- Radioelektronik: Oberst der Marine Krasnow, Fregattenkapitäne Turko und Jarzew
- Schiffsstabilität: Kapitän zur See Held der Sowjetunion Basnin
- Taktik der Fliegerkräfte: Oberst Nirin
- Raketentriebwerke: Fregattenkapitän Turetzki
- Raketen-Labor Fregattenkapitän Maximow
- Werkstoffkunde: Frau Feinstein
- Chemie Herr Lemberski
Wie bereits erwähnt, hatte sich das Verhältnis der sowjetischen Kommandeure, Dozenten, Lehrer und des Personals der Ausbildungsstätten zu uns so gestaltet, dass wir alle heute noch mit Hochachtung und großer Dankbarkeit an diese Menschen zurückdenken.
An dieser Stelle muss ich zum besseren Verständnis den Hinweis einflechten, dass der Zweite Weltkrieg ja erst vor 16 Jahren zu Ende gegangen war!
Viel später erst erfuhren wir, dass z.B. unser Sportlehrer, der während des Krieges als Aufklärer bewusstlos in deutsche Gefangenschaft geriet, sehr viel Schlimmes in einem deutschen KZ erlebt hat. Uns aber hat er an besonders heißen Tagen geschont. Oder: Die Gattin eines unserer Dozenten verlor durch bestialisches Vorgehen der SS fast ihre ganze Verwandtschaft und hat selbst als junge Frau die Leningrader Blockade durchlebt! Mit dieser Frau und ihrem Gatten gibt es bis heute enge Kontakte.
Erwähnen will ich aber noch ein Beispiel der Hilfsbereitschaft der Dozenten: Wenn Irgendjemand den vorgetragenen Stoff entweder aus sprachlichen Gründen oder aber inhaltlich nicht verstanden hatte und dies dem Dozenten offenbar wurde, dann erbot sich dieser, am kommenden Sonnabend und auch Sonntag diesem Offiziersschüler Nachhilfeunterricht zu geben. Das wurde dankbar angenommen.
Aus dem bisher Geschilderten lässt sich sicher leicht ableiten, dass wir bei allen vorhandenen Schwierigkeiten alles unternommen haben, um den dargebotenen Stoff zu bewältigen. Das nicht zu tun, wäre mit Hinsicht auf diese selbstlosen Hilfen beschämend für uns gewesen.
Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle auf die Unterstützung unserer Truppe durch das Ministerium für Nationale Verteidigung einzugehen, welches anstelle des Kommandos der Volksmarine für uns zu sorgen hatte. Ein unrühmliches Beispiel habe ich bereits genannt.
Mit dem Abstand vieler Jahrzehnte und der inzwischen gewonnenen Lebenserfahrung, erlaube ich mir zu sagen, dass diese Unterstützung wohl eher dürftig war, wenn ich dagegen das Engagement und die unausweichlichen Entbehrungen eines solchen Auslandstudiums setzen darf.
So wurde uns mittgeteilt, dass 1964 nach Abschluss des 4. Lehrjahres (es gab damals nur maximal vier Streifen auf der Schulterklappe!) unsere Beförderung zum Meister erfolgen wird. Das empörte uns maßlos; ein Offiziersschüler des 4. Lehrjahres an der Offiziersschule der Volksmarine, der seine Abschlussprüfungen nicht mit Erfolg absolvierte, wurde als Obermeister in die Flotte entlassen! Nach energisch vorgebrachten Vorbehalten seitens unserer deutschen Kompanieführung ernannte man uns zum Obermeister-Offiziersschüler für das 5. und 6. Lehrjahr. Die Dienstbezüge lagen nun bei ca. 580.- Mark brutto. Meine Frau und mein kleiner Sohn erhielten davon ca. 290.-Mark.
Wir mussten nachdrücklich eine bessere medizinische Versorgung und Verpflegung verlangen; die große Hitze im Sommer war in normaler Bekleidung nur schwer zu ertragen, also erhielten wir auf Drängen Blusen und Hosen aus Kammgarn, Netzunterwäsche und Bordschuhe. Das war gut. Wer aber schon einmal mehrere Stunden mit einer Netzunterhose angetan im Unterricht und bei großer Hitze (still-)gesessen hat, erlebt bald das Gefühl, wie es sein könnte, einen großen Ameisenhaufen in der Hose zu haben. Auch eine Erfahrung für den Bekleidungs- und Ausrüstungsdienst!
Es gelang uns aber auch, seitens des MfNV Unterstützung für eine gemeinsame Nutzung der uns zur Verfügung gestellten Urlaubsplätze mit unseren Frauen, Verlobten und Freundinnen zu erhalten. Das war auch gut.
Landgang gab es jeden Mittwoch, Sonnabend und Sonntag; aber nur, wenn alle Belegarbeiten oder mündliche Tests mit Erfolg bestanden wurden. Andernfalls „saß“ man so lange fest, bis eben dieser Erfolg nachgewiesen werden konnte.
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Verhältnis zu Anderen
Im Verlaufe unseres Studiums hatten wir unterschiedlich intensive Kontakte mit Offiziersschülern/Kursanten anderer Nationen. Dazu zählten sowjetische Kursanten, polnische, rumänische, kubanische Kursanten und Offiziershörer sowie bulgarische Offiziersschüler, syrische und vietnamesische Offiziersschüler sowie indonesische Offiziershörer.
Es liegt auf der Hand, dass vor allem zu den Kursanten unserer Fakultät engere Kontakte entstanden. Es gab aber weder eine Richtlinie darüber, wer sich mit wem und mit wem nicht in Verbindung setzen darf oder nicht, darüber entschied einfach das Leben an der Schule.
Eine Episode, so denke ich, ist erwähnenswert: Mich verband eine engere Freundschaft mit einem sowjetischen Kursanten höheren Lehrjahres: Dieser war nach 5 Dienstjahren als Unteroffizier bei den Marinefliegern der Sowjetunion zur 5-jährigen Offiziersausbildung als Steuermann/Navigator nach Baku gekommen. Er beendet diese Ausbildung mit Erfolg – es blieb nur noch die Verteidigung der Diplomarbeit. Eines Tages treffe ich ihn auf dem Raucherplatz in völlig aufgelöstem Zustand an. Er erzählte mir, dass er für einen Einsatz als Wachoffizier/Navigator auf einem Zerstörer vorgesehen ist, das sei die Ursache! Ich verstand seine Niedergeschlagenheit nicht und fragte nach. Es kam heraus, dass man seine Bitte um einen Einsatz als Navigator bei den Marinefernfliegerkräften abschlägig beschieden hatte! Lange haben wir beide „getrauert“, bis mir ein Gedanke kam, den ich ihm sofort antrug: „Setz dich hin und schreibe an den Verteidigungsminister Marschall der Sowjetunion Malinowski und bitte ihn um Abänderung des Einsatzbefehls!“ Nach langem hin und her und Überwindung der Furcht vor einer so hochgestellten Persönlichkeit tat er es. Wir warteten gespannt, denn so ohne war dieses ganze Vorhaben ja wieder auch nicht. Nach recht kurzer Zeit kam die Entscheidung: Versetzt auf ein Marinefernflugzeug! Ich erspare mir hier die weitere Beschreibung.
Erwähnenswert ist auch das Verhältnis zu den indonesischen Seconde-Leutnants. Vom Wuchs her kleiner als wir und in eleganter Uniform mit Stilett an der Seite, waren sie alle außerordentlich höflich und zuvorkommend. Wir erfuhren, dass auch bei ihnen zu Hause Weihnachten gefeiert wird. Also war klar, dass wir sie einladen werden. Das Lenin-(Klub-)Zimmer unserer Kompanie wurde entsprechend geschmückt, gemeinsam mit den polnischen Offiziersschülern für alle Geschenke gekauft (aus der zuvor von uns selbst angereicherten FDJ-Kasse!), unter großen Mühen Kartoffeln beschafft und Majonäse hergestellt. Wie erstaunt waren wir, als die indonesischen Gäste zwar die Würstchen aßen, den Kartoffelsalat aber stehen ließen. Das war beiden Seiten peinlich, klärte sich aber schnell auf: Sie lieben Reis und keine Kartoffeln! Im nächsten Jahr wurde das berücksichtigt.
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Unvergesslich bleibt dieses Erlebnis: Zwei unserer Mitschüler umrahmten den Abend mit einem Vortrag am Klavier und mit einem Geigenspiel. Weihnachtslieder eben. Da erhob sich ein indonesischer Offizier und bat, ein Lied vortragen zu dürfen: Er sang „Stille, heilige Nacht“ auf Deutsch! Wir waren alle außerordentlich beeindruckt. Nach dem politischen Wechsel in Indonesien sind alle abberufen worden. Es hieß, dass wahrscheinlich zwei von ihnen hingerichtet worden seien.
Hervorzuheben aus der Erinnerung sind auch die vietnamesischen Kursanten und Offiziershörer. Im Tischtennis kaum zu schlagen! Gewaltige Sprachbarrieren und geringe naturwissenschaftlich-technische Vorbildung machten ihnen ihr Studium außerordentlich schwer. Sehr höflich und freundlich zu Jedermann! Offiziere, die mit hohen Orden für ihren Kriegseinsatz in Vietnam geehrt worden waren, konnten kaum mit dem Telefon umgehen!
Als es dann doch einmal in Baku schneite, haben wir mit Vergnügen beobachten könne, wie sich die kubanischen Kursanten im Schnee balgten.
Das kulturelle Leben an der Schule bestand nicht nur aus der Vorführung von Filmen im Klub oder Tanzabenden, zu denen Mädchen aus der Stadt eingeladen wurden. Es gab auch Neujahrsfeiern dort, zu denen mit viel Aufwand seitens des Klubpersonals Kulissen angefertigt worden waren. Hier oder in der Stadt waren also Gelegenheiten, Mädchen kennenzulernen. Und so haben 10 Mitschüler in Baku geheiratet.
Aber all` diese Ereignisse wurden „getoppt“ von den Laienkunstvorführungen der einzelnen Fakultäten. Es liegt auf der Hand, dass hier die Spezial-Fakultät mit ihrem Nationalitäten-Kolorit alles andere ausstach. Zu diesen Abenden konnten wir Eintrittskarten drucken lassen, was sich schnell als sehr vorausschauend erwies: Der Andrang der Besucher übertraf alle Erwartungen!
So traten wir mit einer Band auf (Bassist war ein Bulgare), die Indonesier zeigten ihren traditionellen Lichtertanz, Volkslieder erklangen, unser Mundharmonika-Trio trat auf, Rumänen und Bulgaren zeigten nationale Tänze, es wurden Sketche vorgetragen, Anekdoten aus dem Militärleben erzählt usw.. Großen Beifall erhielt der Chor, der sich aus fast allen Nationalitäten zusammensetzte, für das Weltjugendlied – „ Jugend aller Nationen, uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut. Wo auch immer wir wohnen, unser Glück auf dem Frieden beruht...“. Wie wahr.
Alkoholgenuss war strengstens verboten, sowohl in der Schule als auch beim Landgang. Wurde bei Kontrollen vor (!) dem Kontrolldurchlaßposten Taschenkontrolle gemacht und wurde dabei eine Flasche entdeckt, so konnte es passieren, dass der wachhabende Matrose diese am Rinnstein zerschlug und erst danach den Inhaber passieren ließ. Ein Passieren mit der verbotenen Flasche und ihre Entdeckung erst auf dem Territorium der Schule hätten unweigerlich disziplinare Konsequenzen nach sich gezogen. In Vorbereitung auf den Urlaub konnte man allerdings Sekt, grusinischen oder armenischen Kognak mit Erlaubnis in der Kompanie zwischenlagern. Gut in Erinnerung sind auch die Weine Agstafa oder Tri Sedjmjorki (Die drei Siebenen).
Die sowjetischen Kursanten brachten uns jedoch schnell eine Lebensweisheit bei: „Gesetze sind wie Telegrafenmasten. Man kann sie nicht überspringen, wohl aber umgehen.“
Urlaub erhielten wir zweimal im Jahr – im Februar und im August. In den Zeitraum des August fiel auch das Praktikum in der Volksmarine. So zum Beispiel: Im Nordhafen Peenemünde oder in Bug/Dranske auf Raketenschnellbooten, in Saßnitz auf Torpedoschnellbooten Projekt 183, in Peenemünde auf U-Jägern des Projekts 201M oder in Warnemünde auf Räumpinassen. Einige Offiziersschüler hatten auch die Möglichkeit, mit RS-Booten vor Baltijsk/UdSSR das scharfe Raketenschießen zu erleben.

Baku und Umgebung
Es ist nicht möglich, diese schöne, facettenreiche Stadt mit nur wenigen Worten zu beschreiben. Baku hieß wohl „Stadt des Windes“ und Aserbaidschan „Land des Feuers“. Über zwölf Nationen sollen das Menschenbild dieser Stadt bestimmen. Wunderbar und beeindruckend der Boulevard, die Bergbahn Funikulor zum Hotel „Drushba“, der Jungfernturm, der Hafen, die Erdölförderfelder in der weiten Umgebung der Stadt. Und natürlich das Kaspische Meer!
Ein beliebter Anlaufpunkt war das Hotel „Intourist“; hier gab es, ich darf es so nennen, europäisches Essen und – seitdem wir in Zivil an Land gehen konnten- auch herrlichen Kognak. Kein Portier eines Hotels in Baku hätte uns in der Matrosenuniform (!) Einlass gewährt!
Die Einwohner Bakus haben uns mit großem Interesse betrachtet, mit uns Freundschaftsartikel getauscht und allseitiges Wohlwollen entgegengebracht.
An Wochenenden gab es auch Zeit und Gelegenheit, in andere Sowjetrepubliken zu reisen; so waren z. B. Duschanbe, Taschkent und Tbilissi Ziele von Exkursionen. Aber auch die im Meer gelegene Erdölförderstation riesigen Ausmaßes „Neftjannije Kamni“ und das weiter entfernt gelegene Sumgait mit dem großen Werk zur Aluminiumherstellung wurden besucht.
Am Fuße des Kaukasus liegt in der Ortschaft Kubá eine Obst-Kolchose. Hier wurden wir mit sehr schmackhaftem, echtem Schaschlyk bewirtet. Für unsere heimischen Bedingungen unvorstellbar ausgedehnte Apfelplantagen wurden uns gezeigt mit der Aufforderung, doch Obst in den Bus zu packen. Das taten wir auch, aber es gab Platzprobleme in dem Bus auf der Rückfahrt!
Interessant ist noch folgendes: Während der Kuba-Krise 1962 haben wir Schützengräben ausgehoben.

Die Prüfungen
Am Ende eines jeden Semesters gab es Prüfungen. Zur Vorbereitung hierauf erhielten wir bis zu sieben Tage frei und bis zu 90 Prüfungsfragen - je Fach! Die Vorbereitungen wurden sehr ernst genommen, es wurde buchstäblich Tag und Nacht gebüffelt und gegenseitige Hilfe bei der Überwindung von Schwierigkeiten geleistet.
Schriftliche Belegarbeiten waren mit entsprechenden Berechnungen und Technischen Zeichnungen zu versehen. Hilfsmittel waren Fachbücher, Tabellen und der Rechenschieber; es wurde alles „per Hand“ angefertigt. Bei Prüfungen jedoch waren diese Hilfsmittel nicht mehr gestattet.
Zur Anfertigung der Diplomarbeit gab es mehrere Wochen frei.
Es ist sicher nicht nur meine Einschätzung, dass die Prüfer aller Stufen nicht das Ziel verfolgten, den Prüfling am Boden zu zerschmettern, im Gegenteil, wenn Jemand absolut nicht mehr weiter wusste, wurde ein anderer Prüfling hereingerufen, der sich die gestellten Fragen anschauen und dem „Hänger“ Hilfe leisten durfte. Damit war in der Regel dessen „Blockade“ beendet, und er konnte nunmehr beweisen, dass er sein Thema beherrscht. Dieses Verfahren wirkte sich nicht negativ auf die Benotung aus. Die Prüfer selbst erwiesen solche Hilfen. So etwas beruhigt die Nerven, stärkt das Vertrauen in die Prüfer und vor allem in die eigene Person! Diese Eindrücke sind auf guten Boden gefallen; viel von uns waren eines Tages selbst Prüfer.
Zwei meiner Kameraden wurden 1966 für ihre Leistungen mit der Goldmedaille geehrt, mehrere schlossen mit dem Prädikat „Ausgezeichnet“ ab. Anfang September 1966 war es dann endlich soweit: Nach bestandenen Staatsexamen wurde uns der Grad eines Diplom-Ingenieurs für Elektro-Mechanik (Schiffspezialbewaffnung) zuerkannt und es erfolgte die Ernennung zum Leutnant zur See. Welch ein Gefühl! Welche Freude! Den Abschlussabend in Baku verbrachten wir mit unseren Frauen oder Elternteilen.
Wir Absolventen besetzten nun die unterschiedlichsten Planstellen, wie z.B. 1. oder 2. Wachoffizier auf einem Raketenschnellboot, Funktechnischer Offizier einer Abteilung von Schnellbooten, Technischer Offizier in der Raketentechnischen Abteilung und andere Dienststellungen an Land.

Resümee
Nach dem Abschluss der Ausbildung an der KVVMU in Baku sind nunmehr fast 43 Jahre vergangen; die Erinnerungen, wenn auch bereits etwas verblasst, bleiben uns. Es bleibt auch die beispiellose Kameradschaft untereinander – und der Dank an unsere Lehrer und Ausbilder.
Geplant war, dass wir uns in Intervallen von 5 Jahren regelmäßig zu Absolvententreffen zusammenfinden. Nur die politische Wende brachte unsere „Serie“ etwas durcheinander. Und trotzdem – wir bereiten uns gegenwärtig auf unser 9. Absolvententreffen vor!
Bereits vier Mal hatten wir die Ehre, unseren ehemaligen Lehrer für Raketentriebwerke und dessen Gattin auf unseren Treffen begrüßen zu können. Beide, schon hochbetagt, und seit Jahrzehnten Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, scheuten weder den langen Flug noch die Erschwernisse dieser Reisen!
Aus unserer Mitte gingen ein Flottillenchef, Brigadechefs, ein Regimentskommandeur, Kommandanten, viele Stabsoffiziere sowohl in den Flottillen als auch im Kommando der Volksmarine und im Ministerium für Nationale Verteidigung sowie Dozenten an der Offiziershochschule „Karl Liebknecht“ der Volksmarine in Stralsund und an der Offiziershochschule „Franz Mehring“ der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung in Kamenz hervor.
Einige von uns wurden für ihre militärwissenschaftliche Forschungsarbeit mit dem „Friedrich-Engels-Preis“ geehrt oder/und erreichten den Grad Doktor.
Ein Absolvent wurde zum Konteradmiral ernannt, acht Absolventen zum Kapitän zur See und einer zum Obersten befördert.
Dieses gesamte Kapitel ist nun schon vor vielen Jahren geschlossen worden, wir sind selbst in die Jahre gekommene Männer, wir sind bereits Rentner. So vergeht die Zeit.
„Die Zeit, sie eilt im Sauseschritt und wir, wir eilen mit.“ (W. Busch)
Autor: M. A.
Alle Rechte bleiben dem Autor vorbehalten.
April 2009
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Re: Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon yachtsman » Do 30. Apr 2009, 19:37

Moin,

ein absolut toller Beitrag!
Im Vergleich zu uns (Studierende in den 70-gern und 80-gern) hatten es diese Jungs noch deutlich schwerer.
Gibt es denn im Forum jemanden, der diese Zeit miterlebte? Ich meine, so als Rentner hat man zwar nie Zeit, aber ... ;)

Besonders interessieren mich folgende Fragen:
- Wenn die Jungs ohne vorherige Information wohin es geht einfach los geschickt wurden, wann und wie durften sie überhaupt erzählen wo sie sind und was sie tun?
- mit uns konnte im Praktikum schon keiner was anfangen (wer sind wir, was können wir, was können wir nicht). Bei diesen Jungs war es sicher noch viel schwerer, oder?
- ab wann durften die Jungs in den Urlaub fliegen? Oder ging es immer mit der Bahn zurück in die Heimat?

Na, es ließe sich sicher noch über viel sprechen...

Bis dahin erst mal.
Gruß yachtsman
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Re: Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon Andre Soppart » Do 16. Jul 2009, 12:22

Hallo,
eine sehr schöne Seite und ein interessanter Bericht, mein Vater, Dr. Dieter Soppart, Kapitän zur See a.D., wäre ein interessierter Leser gewesen.

A.Soppart
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Re: Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon EMA » Mo 14. Sep 2009, 16:15

Hallo. liebe Bakunesen aller Jahrgänge,

alle Beiträge sind hochinteressant, hinterlassen eine recht gute Vorstellung von dem, was so Einjeder erlebt hat. Aber - die Jahre vergehen, und das Gedächtnis spielt nicht immer mit.

Deswegen erlaube ich mir zu dem Artikel Erinnerungen eines Kirov-Schülers 1961-1966 eine kleine Korrektur vorzunehmen:
Nicht 8 der 66-er Absolventen sonder 10 Mitschüler haben ihren Dienst bei der VM/NVA als Kapitän zur See beendet.

Ahoi
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Re: Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon yachtsman » Fr 18. Sep 2009, 22:11

Moin EMA,

Du scheinst also auch ein Kirovjez der ersten Stunde zu sein. Hochachtung!!

Den Ausführungen von Martin Aßmann habe ich entnommen, dass ihr mit 45 Leuten begonnen habt. Sind eigentlich alle fertig geworden oder gab es welche, die nicht durchgehalten haben. Die Bedingungen waren ja nicht gerade einfach.

In spannender Erwartung verbleibt

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Re: Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon EMA » Do 1. Okt 2009, 17:45

Hallo, Yachtman,
Deine Beiträge und die Bemerkungen zu den Erinnerungen der 60-ger Jahre habe ich mit großem Interesse gelesen.
Nein, es haben nicht alle "durchgestanden", 6 von meinen Mitschülern erreichten nicht das Endziel.

Zu Deiner Frage, wie es mit der Geheimhaltung im Praktikum war: Wir durften nichts erzählen! Auch zu Hause nicht. Haben alle möglichen Märchen erfinden müssen.

Das Verhältnis jedoch der Besatzungen der Schiffe und Einheiten zu uns Praktikanten, in denen wir Dienst taten, war einwandfrei. Wir fanden Verständnis, bekamen im wahrsten Sinne des Wortes auch ´mal eine Extrawurst gebraten. Ärger gab es nur einst auf TS-Booten, wenn es das sogenannte TS-Päcken gab und eineige Matrosen die Wurstbüchsen über Bord feuerten. Oder - auf einem U-Jäger 201M rückten 4 Offz.-Schüler in die Uffz.-Messe zum Mittagessen ein: Pellkartoffeln, eine Riesenschüssel! Danach waren die Uffz. ´dran: Großer Lärm, denn deren Vorgänger hatten alles mit Leichtigkeit verputzt! Ernsthaft böse war aber niemand.

Eure Beiträge habe ich mit großem Interesse gelesen und verstanden, dass die Bedingungen zu Eurer Zeit andere waren, aber sicher nicht viel einfacher als bei uns.
Nein, ich bin nicht "neidisch", im Gegenteil - mit Bewunderung lese ich, was Ihr alles unternommen habt!
Und - ich weiß, genau wie Ihr, wie schwer der Abschluß zu erringen war.

Beste Grüße
EMA
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Re: Erinnerungen eines „Kirov“-Schülers (1961 – 1966)

Beitragvon yachtsman » So 18. Okt 2009, 17:20

Hallo 66-ziger,

Gibt es denn eigentlich schon einen Bericht von eurem 9. Treffen Ende September in Berlin??
Ein kurzer Bericht würde sicher viele Interessenten finden!

Gruß yachtsman
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